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Früher galt das Klischee „Lehrer haben morgens Recht und abends frei.“ Jetzt heißt das Klischee „Lehrer haben seit 5 Wochen bezahlten Urlaub“.

Die Frage ist berechtigterweise: Haben wir derzeit Sommerferien 2.0?

Wenn man eines behaupten kann, dann dass die Pandemie des Erregers Covid-19 unser Leben gründlich auf den Kopf gestellt hat. Viele Arbeitnehmer haben die zweifelhafte Ehre, derzeit im „homeoffice“ zu arbeiten.

Seitdem die Schulen in Rheinland-Pfalz geschlossen sind, mussten auch Lehrer feststellen, dass „homeoffice“ funktionieren kann, ja funktionieren musste. Es blieb schließlich kaum eine andere Wahl, denn nichts ist für Kinder schlimmer als keine Bildung. Und damit begann für viele ein großer Lern- und Umdenkprozess. Die Anfangszeit der Schulschließung war von viel Unsicherheit geprägt. Obwohl grundsätzlich vorauszusehen, kam die Entscheidung der Kultusminister auch in dieser Endgültigkeit für die Lehrer ebenso überraschend. Bildung funktionierte vor Corona vor allem „analog“, „herkömmlich“ und oftmals nur wenig digitalisiert. Da man die Schüler regelmäßig persönlich traf, waren E-Mailverkehr oder andere digitale Kontaktverfahren nicht notwendig. Die Schulschließungen haben eine neue Wirklichkeit geschaffen und die Digitalisierung der Bildungslandschaft mehr oder minder erzwungen. Das bringt einige Vorteile, aber auch Nachteile mit sich. Inwieweit diese Entwicklung auch in Zukunft bestand hat, wird die Zeit zeigen.

Für einige war die intensive Arbeit mit dem Computer und dem Internet eine neue Welt. Das betrifft sowohl Lehrer als auch Schüler. Deshalb verlief die Anfangszeit recht holprig. Alle Schule mussten eigene Systeme etablieren, um das Lernen von zu Hause zu ermöglichen. Wir an der Schiller nutzen (nach ein paar Startschwierigkeiten) unsere Homepage, die Bildungsplattform Moodle, E-Mails, Streaming, Videokonferenzen, Telefonate und manchmal sogar Post, um den Kontakt zu halten und die Schüler beim Lernen zu betreuen. Anders als im Klassenzimmer, wenn (je nach Klassengröße) 25-30 Schüleraugenpaare auf den Lehrer gerichtet sind, erfolgt diese Betreuung oftmals einzeln. Das bedeutet, dass sich der Arbeitsaufwand deutlich erhöht. Anstatt einen Sachverhalt anschaulich für alle Schüler gleichzeitig darzustellen, erklären wir vieles nun mehrfach.

Die Unterrichtskonzepte mussten ebenfalls angepasst werden. Eine sehr gute Unterrichtsstunde im Klassenzimmer ist für das digitale Lernen vielleicht völlig ungeeignet. Deshalb verbringen Lehrer Stunde um Stunde bei der Erstellung und der Zusammenstellung von neuem Arbeitsmaterial und Aufgaben. Nicht selten hat sich der Arbeitseinsatz vieler Lehrer in den letzten Wochen deshalb erhöht, statt verringert. Die Vorstellung des Lehrers, der seit mittlerweile 5 Wochen zusätzliche „Sommerferien“ genießt, ist damit schlichtweg falsch.

Auch die Verwendung von Lernplattformen ist keineswegs eine Vereinfachung der Arbeit auf Lehrerseite. Kurse müssen mit Inhalten gefüllt werden, Tests müssen korrigiert werden, Rückmeldungen und Lösungen müssen erstellt und eingestellt werden. Natürlich bietet die Verwendung digitaler Medien eine enorme Chance für die Bildung der Schüler. Aber die dazu nötige Technik und das „know-how“ fehlt leider noch immer an vielen Stellen. Manche Schüler müssen alle Aufgaben über ihr smartphone bearbeiten und lösen, da nicht genügend Computer zur Verfügung stehen. Das beste digitale Lernangebot ist nutzlos, wenn die technischen Hürden für Schüler nicht zu bewältigen sind.

Lehrer sein heißt also manchmal auch im tech-support zu arbeiten.

Eine Studie, die durch die Stanford-Universität mit 16000 Angestellten einer chineischen Reiseagentur durchgeführt wurde, fand heraus, dass die Produktivität und die Arbeitzeit im homeoffice zum Teil sogar zunimmt. Es ist nicht abwegig anzunehmen, dass das auch für Lehrer im homeoffice gilt. Gleichzeitig steigt aber auch die subjektiv empfundene Belastung, da Ruhephasen seltener werden. Es ist das Gefühl, dass man jederzeit erreichbar sein sollte, das dazu verleitet, täglich, auch am Wochenende zu arbeiten. Durch diverse Programme ist es möglich, immer verfügbar zu sein. Leider führt diese Entwicklung auch dazu, dass man sich der Erreichbarkeit verpflichtet fühlt. Nach einem Tag oder manchmal bereits ein paar Stunden, in denen man seine E-Mails nicht geprüft hat, meldet sich bereits das Gewissen: „brauchte vielleicht ein Schüler Unterstützung?“.

Es ist also nicht verwunderlich, dass sich viele Lehrer die Öffnung der Schulen herbeisehnen, denn die „Coronazeit“ ist für Lehrer alles andere als Urlaub.

-DB