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Mit Japan verbinden viele Menschen: Roboter, bunte Zeichentrickfilme (Anime), verrückte Fernsehsendungen, lustige Werbungen, Takeshi’s Castle, Samurai, Karate und eine niedliche, aber völlig unverständliche Sprache. Aber eines verbindet man derzeit nicht mit Japan: die Corona-Pandemie.

みなさん、こんにちは。

Während der “Westen” derzeit unter den Folgen der Corona-Pandemie ächzt, hört man weniger Schreckensmeldungen aus Fernost. Gerne wird angeführt, dass ein autoritär geführter Staat, wie China, das Virus nur durch strenge Kontrolle und Unterdrückung der Bürger so gut bekämpfen kann. Aber das gilt nicht für alle asiatischen Länder. Es gibt einige Demokratien, die die Pandemie, verglichen mit europäischen Verhältnissen, sehr gut meistern. Ein Beispiel ist Japan. Nach aktuellen (19.11.2020) Zahlen der John-Hopkins-Universität haben sich in Japan etwa 126.000 Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Zum Vergleich: Deutschland liegt derzeit bei 876.000 Infektionen. Dabei leben in Japan mit 126 Millionen deutlich mehr Menschen als hierzulande. Allein der Großraum Tokyo (Kantō-Region) hat mit 42,6 Millionen Menschen etwa halb so viele Einwohner wie ganz Deutschland.

Wie kommt es, dass sich das Virus in Japan weniger schnell ausbreitet?

Die Antwort ist sicherlich sehr komplex und nur bedingt vergleichbar – es gibt aber einen logischen Ansatz  aus der kulturvergleichenden Sozialforschung. Westliche Gesellschaften sind individualistisch geprägt. Der Einzelne steht im Vordergrund und jeder ist sich selbst der Nächste. Das heißt natürlich nicht, dass es hierzulande ausschließlich Egoisten gibt – als gesamte Gesellschaft sind wir dann aber doch ziemlich selbstverliebt. Solche Gesellschaften bringen tolle Individuen hervor: große Künstler, Politiker, Wissenschaftler. Denn Kinder lernen schnell, dass der eigene Erfolg wichtiger ist, als der Erfolg der Anderen. Auch unser Schulsystem fördert diesen Individualismus. Für uns zählen Eigenverantwortlichkeit und Selbstverwirklichung. Wenn jeder seines eigenen Glückes Schmied ist, dann stehen wir einer Bedrohung der Gemeinschaft relativ hilflos gegenüber.

Japan ist wie viele asiatische Gesellschaften kollektivistisch geprägt. Die Gemeinschaft ist hier wichtiger als der Einzelne. Die Menschen streben eher danach, in der Gruppe Anerkennung zu finden und das soziale Miteinander nimmt einen deutlich höheren Stellenwert ein. Dem anderen nicht zu schaden ist wichtiger, als selbst keinen Schaden zu erleiden. Kollektivistische Gesellschaften bringen seltener große Persönlichkeiten hervor, weil das Konkurrenzdenken weniger ausgeprägt ist. Erfolge werden durch gemeinsame Anstrengung errungen. Macht eine Firma durch den Geniestreich eines Mitarbeiters großen Gewinn, wird in Japan der gesamten Abteilung gratuliert. Natürlich gilt auch hier: die Ausnahme bestätigt die Regel.

Warum ist die Gesamtkultur nun für die Corona-Pandemie wichtig?

Das starke Zusammengehörigkeitsgefühl, das in Japan propagiert wird, sorgt dafür, dass die Menschen Einschränkungen ihres Lebens schneller und bereitwilliger akzeptieren. Es ist schließlich um Wohle aller. Natürlich öffnet das Autokraten Tür und Tor, ist für eine Pandemie aber sehr hilfreich. Bereits lange, bevor es hierzulande eine Maskendebatte gab, sah man Menschen in Japan mit Mund-Nasen-Schutz herumlaufen. Dabei dient diese nicht dem eigenen Schutz, sondern dem Fremdschutz. Eine マスク (masuku – Maske) wird getragen, damit man Mitmenschen nicht ansteckt. Genau hier liegt das kulturelle Missverständnis. Während wir in Deutschland die Maske eher aus der Sicht des Eigenschutzes sehen, obwohl sie genau wie in Japan eigentlich die anderen schützt, findet sie weniger Akzeptanz.

“Ist doch mein Problem, wenn ich krank werde, oder?” Nein, es ist unser Problem.

Das (richtige!) Tragen einer Maske und das Abstandhalten sind Zeichen dafür, dass man sich solidarisch verhält. Einer für alle und alle für einen. In einer Zeit, in der ein tödliches, hoch ansteckendes Virus grassiert und unser gewohntes Leben seit mittlerweile 8 Monaten stark einschränkt, sollte man den Blick über den Tellerrand durchaus einmal riskieren. Die Japaner haben anscheinend Erfolg mit ihrer kollektiven Pandemiebekämpfung – da können wir noch etwas lernen.

#geradeausdenken

-DB